Novemberregen

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Knjiga
Veröffentlicht: 07.11.2023 18:44
Aktualisiert: 08.11.2023 18:38
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Text

Der Hausmeister war nicht da. Das stimmte mich ein wenig missmutig, da mein Fahrradschloss offensichtlich kaputt war. Es lag weder am Schlüssel noch an mir, es war einfach kaputt, weshalb auch immer. Es wurde immer dunkler, und langsam setzte der Regen ein. Meine Freunde sind schon nach Hause gegangen, weil es wirklich spät wurde. Ich konnte es gut verstehen. Trotz meines Unglücks und des schlechten Wetters war ich nicht ganz so enttäuscht von meinem Schicksal, wie es andere gewesen wären. Ich lief über den betonierten Vorplatz des Gebäudes, und bemerkte dabei, dass meine überraschend gute Laune vom Regen kommen musste. 

 

Ich kam am Ende des Vorplatzes an und bemerkte, das eine Person auf einem Fahrrad am Gatter wartete.

Sie rief meinen Namen.

Glücksgefühl breitete sich in mir aus; nicht alle meine Freunde sind gegangen.

,,Warum bist du noch hier? Ich hab dir doch gesagt, du kannst schon gehen, wenn es dir zu spät wird!", fragte ich meine Freundin, mit einem breiten Grinsen, welches jedem auffallen musste. ,,Ich dachte, ich warte trotzdem auf dich! War der Hausmeister nicht in seinem Büro?" 

,,Nein, ich muss ihn wohl morgen fragen, ob er mein Schloss knacken kann…", erwiderte ich. ,,Oh nein, das ist ja blöd!" Sie lächelte mitfühlend.

,,Danke, dass du auf mich gewartet hast! Das ist echt lieb von dir!"

,,Kein Ding, mache ich gerne! Lass uns gehen, sonst werden wir noch nass"

 

Wir liefen den Weg hinauf zur grossen Strasse. Alles war in das Blau der Wolken und das Gelb der Strassenlaternen getaucht. Die Geräusche waren abgedämpft, die Regentropfen bildeten wie ein Schutzwall um alle, einen Schutz, der alles Lärmige und Böse abhält. 

,,Es ist wie im Film" bemerkte meine Freundin. ,,Genau das habe ich auch gedacht!" Wir lachten kurz, es war ein gutes Gefühl. ,,Es ist dasselbe Farbschema wie im ersten Harry Potter-Film, gelb und blau, oder?" ,,Ja, kann sein!" ,,Aber es ist auch das Gefühl, es ist gerade so perfekt. So romantisch. Was glaubst du, was würde passieren, wenn es jetzt ein Film wäre?" ,,Ich weiss nicht", sagte sie. Kurz schaute sie in den dunkelblauen Himmel.  

,,Bestimmt nichts Schlechtes", meinte ich. 

,,Ja"

 

Wir gingen eine Weile schweigend weiter. Die Stille war nicht unangenehm. Sie war genau richtig. Trotzdem unterbrach ich das Schweigen.

,,Es ist ein bisschen wie Schnee. Wenn du am Morgen aufwächst, weisst du sofort, dass etwas anders ist. Alles ist hell, und alle freuen sich und sind glücklich. Der Schnee ist wie ein Schutzwall um uns alle, es ist ruhig, und selbst die Idioten sind gut gelaunt"

,,Ist wahr! Auch wenn es jetzt nicht so hell ist, haha"

,,Siehst du die Frau mit dem Regenschirm? Sie merkt gar nicht, wie schön es gerade ist. Sie schützt sich vor dem Glück."

,,Sie wird nur denken: ,Ahhh, warum muss es regnen? Es ist so kalt!' Pech für sie." 

,,Haha! Ist wirklich so, dabei ist es gar nicht kalt"

,,Naja, ich habe ziemlich kalt. Du weisst ja, ich bin ein wenig erkältet"

,,Oh! Ich habe das ganz vergessen! Wäre vermutlich schlauer gewesen, den kürzeren Weg zu nehmen, das tut mir so leid!"

,,Ist ok, wir haben ja nur noch eine Minute"

,,Ich kann auch rennen, wenn du willst. Du hast ja das Fahrrad, ich renne"

,,Wirklich?"

Als Antwort beschleunigte ich meine Schritte, und so rannte ich neben ihr und sie fuhr neben mir und wir waren glücklich. Wir fühlten uns unbesiegbar. Sie jauchzte. Wir bogen in eine Strasse ab, an der eigentlich ein Durchgang-nur-Berechtigten-gestattet-Schild stand und gingen durch eine Art Tunnel. Dort stand jemand. Er musste sich bestimmt über uns gewundert haben. Bald spürte ich ein Stechen in der Brust.

,,Ich kann nicht mehr", keuchte ich und grinste.

Sie winkte ab. ,,Ich muss hier abbiegen, wir sehen uns morgen!" rief sie durch den Vorhang aus dicken Regentropfen.

,,Bis morgen! Es war schön!"

 

Ich sah sie verschwinden und machte mich auf den Weg. Ich spürte, wie die warmen Regentropfen mein Gesicht runterrollten. Sie tropften meinen zu einem Zopf zusammengeflochtenen Haaren herunter, auf meinen Rucksack. Meine Jackenwar über und über von kleinen, flüssigem Perlen besetzt. Meine Jeans klebte an meiner Haut.

Es fühlte sich herrlich an, und ich wusste, dass ich diesen Moment nicht vergessen werde.

 

Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Tropfen prasselten auf mein Gesicht.

Kommentare

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Am 08.11.2023, Knjiga
Hallo Nebula!
Danke für deine Rückmeldung. Ich meinte mit dem gelb das Licht der Strassenlaternen, ich dachte vermutlich, es sei offensichtlich :)
Liebe Grüsse
Knjiga
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Am 07.11.2023, Nebula
Hallo Knijga!

Als allererstes muss ich klarstellen- dein Text ist richtig toll und gibt mir ein genaues Bild der Situation, die du erlebt hast und von diesem Gefühl der „Sicherheit“ oder diesem Glücksgefühl, welche der Regen einem geben kann…! Gleichzeitig gefällt es mir sehr, dass du auch irgendwie das Thema „Freundschaft“ in diesen Kurztext einbauen konntest ;-)

Ich finde auch, dass der Herbst und der Regen von vielen „missverstanden“ werden, obwohl sie doch eigentlich zu den besten Sachen gehören, die es nur gibt.
Trotzdem ist mir während des Lesens eine Frage eingefallen:
Wieso ist „alles in Blau und Gelb getaucht“? Den blauen Teil kann ich gut nachvollziehen, aber wieso ist die Welt auch gelb? Scheint die Sonne, während es regnet? Oder ist es das Gelb der Ampeln, worauf du hindeutest…?

Ich freue mich auf deine nächsten Texte!
LG, Nebula