Zukunftsregen

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pianizza
Veröffentlicht: 12.04.2021 14:47
Aktualisiert: 28.06.2021 18:50
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Kurzbeschrieb:
Zwei Mädchen denken über die Zukunft nach. Was bringt diese denn mit sich? Welche Neuerungen? Was passiert mit der Technik? Was unterscheidet den Algorithmus vom Menschen?

Text

Die beiden Mädchen liebten ihr Spiel.

Wann immer es draußen schauerte und sie durch den Regen zur Schule stapfen mussten, fingen sie damit an.
Ganz eng beisammen standen sie dann, versteckt unter ihrem großen, bunten Regenschirm.
Und während sie Pfützen und Felder durchquerten, begannen sie damit;

Es war ganz einfach, ihr Spiel.
Nur sich etwas vorstellen, das musste man können.
Die Regeln waren klar. Jeder musste nur sagen, was er denn glaube, dass die Zukunft wohl bringen würde.
„In der Zukunft, da können Autos fliegen.“, sagte das eine Mädchen, zum Beispiel.
„Das kann gut sein.“, meinte das andere dann, zum Beispiel.

Dann kam der spannende Teil.
Der Schirm wurde gedreht. Zusammen umgriffen die Mädchen den langen Henkel, drehten ihn über sich, rundherum, sodass die Tropfen flogen und die Farben wirbelten.
Staunend beobachteten sie, wie die Welt um sie herum verschwamm.
Doch dann, sobald der Schirm aufhörte sich zu drehen, war der Regen fort.
Statt der Tropfen wirbelten nun Autos durch den grauen Himmel.

„Nein, nein, in der Zukunft, da wachsen auf den Bäumen Süßigkeiten.“, sagte das eine Mädchen dann.
Der Schirm drehte sich wieder.
Schon waren die Bäume reichlich mit Süßem bestückt. Eine weitere Drehung, dann mit Salzigem.
Der Schirm drehte und drehte sich, bis die Mädchen die Schule erreicht hatten. Dann, auf einmal, waren sie wieder in der Gegenwart, zurück aus der Zukunft.
Dann landete der Schirm zusammengeklappt in der Ecke und wartete auf den nächsten Regenschauer.

Mit jedem Regentag wurden die Mädchen älter, veränderten sich, und mit ihnen ihre Vermutungen für die Zukunft.
Sie sahen nun Roboter durch die Gegend brausen, Bäume wichen Windrädern, sie stellten sich Dürren und Fluten vor, Klimaveränderungen, Katastrophen, Weltuntergang.

Dann, irgendwann, gab es einen der letzten Tage, den die Mädchen zusammen verbringen würden, bevor das Ende ihrer gemeinsame Schulkarriere nahte.
Beide waren noch beste Freundinnen, dennoch wollten sie nun ihre Wege getrennt gehen.
Das eine Mädchen, das wollte Künstlerin werden.
Das andere, das wollte Ingenieurin werden.
Es war einer ihrer letzten Regentage zusammen, als sie wieder ihren Schirm drehten.

„In Zukunft, da wird es ganz anders sein als heute.“, sagte das eine Mädchen. Das, das Ingenieurin werden wollte.
„Das glaube ich auch.“, sagte das andere, Das, das Künstlerin werden wollte.
„In Zukunft, da wird Technik immer wichtiger, da bin ich mir sicher.“
„Wie wichtig denn?“

 

 

„Naja, sieh dir an, wieviel wir jetzt schon damit erreichen können. Es wird mehr werden, viel ersetzen.“, sagte die Ingenieurin.
„Findest du das gut?“, fragte die Künstlerin.
„Ja, denke ich. Und du?“
Die Künstlerin zuckte mit den Achseln. „Ich glaube, manche Sachen, die können nicht ersetzt werden.“
„Vielleicht ja doch“, überlegte die Ingenieurin. „Algorithmen, die sind effizienter als Menschen.“
„Aber manche Sachen, die kann nur ein Mensch.“
„Was kann denn nur der Mensch?“, fragte die Ingenieurin.
 

Das brachte beide zum Grübeln.
Mensch und Algorithmus.
Was war denn dort so verschieden?
Schwere Fragen waren das, das merkten beide.

„Nur ein Mensch kann Kunst schaffen, meinte die Künstlerin dann.
„Auch ein Algorithmus kann malen.“
„Aber das ist keine Kunst.“
„Was ist denn Kunst?“, fragte die Ingenieurin.
„Kunst, das ist alles, was etwas in dir auslöst. Ein Gefühl“, erklärte die Künstlerin.

Wieder Schweigen, für eine Weile. Große Worte, waren das.

„Aber, nehmen wir an, ich zeige dir ein Bild. Es ist wunderbar, du fühlst etwas, beim Anschauen“, sagte die Ingenieurin dann. „Nehmen wir an, ich sage dir, ein Algorithmus hätte es geschaffen. Ändert das etwas daran, was du gefühlt hast?“

„Nein, nein, das würde es nicht.“, sagte die Künstlerin, „Aber danach, dann würde es sich anders anfühlen.“
„Aber dieser Algorithmus, vielleicht hat der doch genau das richtige Bild für dich geschaffen.“
„Trotzdem, es ist nicht das gleiche, nicht für mich.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Ich auch nicht richtig.“

Daraufhin stapften die beiden wieder schweigend weiter.

Schließlich fragte die Ingenieurin wieder. „Findest du es also nicht gut, dass Algorithmen uns Arbeit und Entscheidungen abnehmen?“
„Nein, ich entscheide lieber selbst.“, sagte die Künstlerin.
„Selbst, wenn die Entscheidung des Algorithmus viel besser für dich wäre?“
„Es ist nicht meine.“
„Das verstehe ich nicht. Du könntest dadurch viel bessere Ergebnisse erlangen. Der Algorithmus errechnet genau, was am besten für dich ist“, sagte die Ingenieurin.
„Es gäbe keine Kunst oder Erfindungen, nichts Neues, hätten wir immer nur die sicherste Wahl getroffen. Ein Algorithmus kann nichts riskieren.“, meinte die Künstlerin.
„Aber er kann auch keine Fehler machen.“
Wieder, Schweigen.
Nun waren die beiden beinahe bei der Schule angekommen.


„Wir haben vergessen, den Schirm zu drehen.“
„Ach ja.“
„In der Zukunft, da können Autos fliegen.“, vermutete das eine Mädchen

Sie drehten den Schirm.

 

Kommentare

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Am 30.09.2021, Amanda_8
Hallo pianizza,
ich habe gerade deinen Text entdeckt und muss sagen, dass er mir sehr gut gefällt. Dein Stil, der mir schon bei anderen deiner Werke aufgefallen ist, gefällt mir: Schlicht, einfach und gleichzeitig sehr tiefgreifend. Es regt zum Nachdenken an.
Liebe Grüße,
Amanda_8