Last leaves the last (Kapitel 19)

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Nederlandfreak
Veröffentlicht: 19.02.2017 22:07
Aktualisiert: 19.02.2017 22:07
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Jeffrey setzte sich in die hintere Autoreihe zwischen Ailsa und Gregory. Brian öffnete die Tür des Kofferraums und kniete sich hinein, wobei er sich mit den Händen an Jeffreys Sitzlehne klammerte. «Leute, ich finde das echt nicht fair von euch, mich hier hinten zusammengequetscht knien zu lassen! Was ist, wenn uns die Polizei erwischt?», jammerte Brian. Gregory horchte erschrocken auf. «Ja, was ist, wenn uns die Bullen anhalten?», fragte er schon fast panisch. In seinen anfangs kleinen, müden Augen, wuchsen plötzlich riesige, schwarze Pupillen.

«Kommt mal runter Leute, niemand erwischt hier irgendwen!», rief der gelassene Rey dazwischen, als sich aus der kleinen Diskussion ein heftiges Wortgefecht ergab und es allmählich laut im kleinen Toyota wurde. Ohne, dass jemand noch ein Wort sagte, fuhren sie los, durch das kleine Städtchen hindurch. Tatsächlich, fühlte sich Jeffrey wohl. Sehr wohl. Er war so dermassen glücklich, endlich wieder bei seiner zweiten Familie, seinen Freunden zu sein. Dabei vergass er aber die im Moment wichtigste Frage: Wie ging es jetzt weiter?

Er verspürte keine Lust, Brian oder jemand anderen zu fragen, welchen Schritt sie als nächstes hätten angehen sollen. Das hätte die Stimmung wieder auf einen neuen Hieb enorm heruntergesetzt. «Yo, Rey, schmeiss mal den Radio an! », rief Gregory. Rey tat wie geheissen und drückte ein blaues Knöpfchen, dessen Aufschrift man nicht mehr erkennen konnte, da die Oberfläche des Knöpfchens bereits sehr abgenutzt war. Ein paar Mal switchte Rey von Technokanälen, über Klassikkanälen, bis zu Newskanälen, bis er auf ein Signal eines Jazzsenders stiess, worauf Gregory direkt wieder reklamierte: «Wer hört denn heutzutage noch so was?»

Die restliche Autofahrt verbrachte die Gruppe schweigend. Je mehr sie in Richtung von Dutches Mallow fuhren, desto heftiger begann es zu schneien. Einzelne Schneeflocken sammelten sich an den Rändern der Fenster und wurden nach wenigen Sekunden vom Wind wieder fortgeweht. Durch den dichten Schneefall konnte Jeffrey langsam die einzelnen Häuser von Dutches Mallow erkennen. Ihm kam es so vor, als wäre er seit Jahren nicht mehr da gewesen, obwohl es vielleicht gerade mal drei, vier Wochen her war. Nach und nach reite sich ein Haus nach dem anderen auf, wie es für Dutches Mallow halt üblich war, die meisten modrig und heruntergekommen. Nur vereinzelt kamen schöne, prächtige Häuser zum Vorschein, kunterbunt geschmückt mit leuchtenden Lichterketten und schönen, weihnachtlichen Verzierungen. Es war krass, wie die Gesellschaft in diesem Dorf aufgeteilt war. Die einen lebten vom Brot, welches sie wegen den ständigen Ernteausfällen nur schwer herstellen konnten, die anderen lebten von Millionengeschäften von irgendwelchen grossen Konzernen und nochmals andere lebten vom illegalen Handel und lebten von Tag zu Tag. Eine Mittelklasse, gab es grundsätzlich nicht.

Jeffrey kannte keinen einzigen, der so leben musste. Leben, ohne Vergewisserung, ob man den nächsten Tag überhaupt überleben konnte. Es gab niemanden in seiner Familie oder in seinem Freundeskreis, der so leben musste. Es gab aber auch niemanden, der so nicht leben wollte. Niemand machte sich Gedanken darüber, wie es wohl denen ging, die nichts, aber auch gar nichts besassen, nie mit warmem Wasser duschen konnten, noch nie in ihrem Leben einen Hamburger gegessen oder eine Party gefeiert haben. Keiner aus Jeffreys Bekanntenkreis scherte es, was ihm allmählich zu Denken gab. Ihm fiel nicht nur die tragische Situation in seinem Dorf auf. Er bemerkte, dass sich seine Freunde unheimlich veränderten. Viele von ihnen, trugen auf einmal Ringe an den Fingern, schön glänzende, polierte Ringe. Auch goldene Ketten, bestückt mit glitzernden Steinen, welche Jeffrey nicht identifizieren konnte, hingen an den Hälsen von Brian, Rey und Ailsa. Auch wenn er den Gesprächen näher lauschte, die die Leute zwischen einander führten, merkte er, dass er nicht einmal die Hälfte verstand von dem, was sie da von sich gaben. Es ging um Markenkleider, teure Autos und Promis. Seit wann redeten seine Freunde von solchem Zeug?

Rey fuhr durch die engen Passagen inmitten der Bäume und Häuser, bis die Gruppe beim Schulhaus des Ortes ankam. Das letzte Mal, als Jeffrey hier war, hatte er diesen scheusslichen Anfall und dabei Mrs. Maryl angegriffen. Konnte sie wohl wieder unterrichten? Wie ging es den anderen aus der Klasse? Waren sie wütend auf ihn? Was würde wohl passieren, wenn er einfach ins Klassenzimmer spaziert wäre? Jeffreys Gedanken zwirbelten wie wild in seinem Kopf herum. Szenario für Szenario ging er in seinem Kopf durch, malte sich das schlimmste aus, stellte sich die Gesichter vor, die ihm begegnen konnten, sollte er einfach da reingehen. Wieso waren sie überhaupt hier?

Während der Rest der Gruppe auf das Schulgebäude zuging, zog Brian ihn am Ärmel hinter das nächst gelegene Gebüsch. Da die Aktion unerwartet kam, erschrak Jeffrey ein wenig und fragte genervt: «Was soll denn das jetzt wieder?» «Ich weiss, dass du verwirrt bist und ich kann das total nachvollziehen. Du musst dich jetzt zusammen reissen Jeffrey, okay? Wir haben viele aus der Klasse darüber informiert, was damals wirklich mit dir passiert ist. Jedenfalls die, denen wir auch zu Hundertprozent vertrauen können», antwortete Brian schon fast stolz, etwas für die Sache getan zu haben. Jeffrey hingegen war entsetzt. Er wollte auf gar keinen Fall, dass noch mehr seiner Kameraden mit in dieses Chaos gezogen wurden, auch wenn diese voll und ganz hinter ihm standen. Er konnte es sich selbst nicht verantworten, wenn jemandem etwas Schlimmeres zustossen würde.

Brian verzog sein Gesicht zu einer Miene, die auf Jeffrey einen beängstigenden Eindruck machte. Es so fast so aus, als hätte er etwas zu verbergen. Etwas Schmerzhaftes, etwas, was Jeffrey nicht hören wollte. Auch wenn er Angst vor der Antwort hatte, wollte Jeffrey unbedingt wissen, was Brian vor ihm verschwieg. «Sag schon, was ist los?», setzte Jeffrey an. Brian zögerte. Jeffrey hasste es, wenn Brian versuchte um den heissen Brei zu reden. «Brian, bitte, du musst mir sagen was los ist. Gibt es irgendeinen Hacken?», hakte Jeffrey das Schlimmste ahnend nach. Doch Brian starrte ihn weiter regungslos und sprachunfähig an. Er wollte es ihm unbedingt nicht sagen, so sehr, dass er begann, auf seiner Unterlippe herum zu kauen.

Die Sekunden, die Brian immer weiter hinauszögerte, fühlten sich für Jeffrey wie Minuten, später dann wie Stunden an. Schliesslich rückte er dann doch mit der Sprache aus. «Adam ist verschwunden, spurlos.»

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